Brunetti View Dezember 2025

Es ist wohl das grösste Experi­ment in unkon­ven­tio­neller Wirtschafts­po­litik, das wir in den letzten Jahrzehnten in einem reichen Industrie­land gesehen haben. Und mit Sicher­heit ist es das heraus­ra­gende makro­öko­no­mi­sche Ereignis dieses Jahres. Mit dem Ziel, die Wirtschaft – und zwar subito – zu ungekannter Grösse zu führen, blieb in diesem Jahr in den USA kaum ein wirtschafts­po­li­ti­scher Stein auf dem anderen. Was dies für die globale Wirtschaft zu bedeuten hat, lesen Sie in dieser aktuellen exklu­siven Einschät­zung unseres makro­öko­mi­schen Beraters Prof. Dr. Aymo Brunetti.

Veröf­fent­licht: 16. Dezember 2025

Ein Jahr Maga-Econo­mics

 

Es ist wohl das grösste Experi­ment in unkon­ven­tio­neller Wirtschafts­po­litik, das wir in den letzten Jahrzehnten in einem reichen Industrie­land gesehen haben. Und mit Sicher­heit ist es das heraus­ra­gende makro­öko­no­mi­sche Ereignis dieses Jahres. Mit dem Ziel, die Wirtschaft – und zwar subito – zu ungekannter Grösse zu führen, blieb in diesem Jahr in den USA kaum ein wirtschafts­po­li­ti­scher Stein auf dem anderen. In der Einschät­zung der meisten Ökonom­innen und Ökonomen wurden dafür aber denkbar ungeeig­nete Methoden und Instru­mente einge­setzt. Obwohl der Politik-Mix eigent­lich darauf ausge­richtet war, möglichst rasch grosse Wachs­tums­ge­winne zu erzielen, bleibt die US-Wirtschaft bemer­kens­wert wenig dynamisch. Die populi­sti­sche Expan­si­ons­stra­tegie wurde nämlich – wir haben es in der letzten «View» thema­ti­siert – durch die massive Unsicher­heit konter­ka­riert, welche die praktisch tägli­chen Politik­wechsel kreierten. Damit hat der ungewöhn­liche Politik-Mix praktisch von Beginn weg das Wachstum geschwächt. Sollte diese Politik aufrecht­erhalten werden, ist zudem mit einer substan­zi­ellen Beein­träch­ti­gung der mittel­fri­stigen Wachs­tums­dy­namik der US-Wirtschaft zu rechnen.

Zölle als Haupt­dar­steller

Ein Politik­be­reich sticht dabei offen­sicht­lich hervor, nämlich die Handels­po­litik. Zölle sind sozusagen das Symbol der Trump’schen Wirtschafts­po­litik und er betonte schon im Wahlkampf wie zentral er deutliche Zollerhö­hungen einschätzt. Und was auch immer man davon halten mag, die Admini­stra­tion hat in dieser Hinsicht gelie­fert, was verspro­chen wurde. Die Abbil­dung der Finan­cial Times, die regel­mässig aktua­li­siert wird, zeigt den eindrück­li­chen Verlauf, den die US-Handels­po­litik seit Amtsan­tritt der neuen Admini­stra­tion durch­laufen hat. Die kleine Grafik im oberen Bildaus­schnitt zeichnet den Verlauf der durch­schnitt­li­chen US-Zölle seit dem Beginn des 20. Jahrhun­derts nach. Als Reaktion auf die hohen Kosten der unseligen protek­tio­ni­sti­schen Massnahmen in der Zwischen­kriegs­zeit (symbo­li­siert durch den Smoot-Hawley Tariff Act) erfolgte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein deutli­ches Umdenken. Im Rahmen der Neuord­nung der weltwirt­schaft­li­chen Insti­tu­tionen waren die USA führend bei den gemein­samen Anstren­gungen der Industrie­länder, Handels­schranken möglichst weitge­hend abzubauen. Die durch­schnitt­li­chen Zölle wurden deshalb Schritt für Schritt reduziert und erreichten in diesem Jahrtau­send einen sehr tiefen Wert von nahe Null Prozent. Diese Libera­li­sie­rungs­welle im Welthandel beendete Donald Trump in diesem Jahr abrupt. Die Zölle schossen in kürze­ster Zeit wieder auf das Niveau zum Ende des Zweiten Weltkriegs hoch. Die grosse Grafik in der Abbil­dung zeichnet diese spekta­ku­läre Entwick­lung im laufenden Jahr genauer nach. Nach einigen ersten Zollerhö­hungen im ersten Quartal kam Anfang April der Schock des – origi­nell betitelten – Libera­tion Day. Von diesem Höhepunkt aus wurden die Zölle inzwi­schen mit einigem Hin und Her noch etwas reduziert, sind aber aktuell immer noch bei einem Durch­schnitt von sehr hohen knapp 15 %. Als aktuell­stes Ereignis wird hier übrigens der sogenannte „Zoll-Deal“ mit der Schweiz vermerkt.

Diese Entwick­lung ist auch deshalb bemer­kens­wert, weil eine derart protek­tio­ni­sti­sche Handels­po­litik grund­le­genden Empfeh­lungen der Volks­wirt­schafts­lehre diame­tral entge­gen­stehen. Ökonom­innen und Ökonomen debat­tieren über viele Dinge, aber in Sachen schäd­liche Wirkung von Zöllen besteht eine bemer­kens­werte Einig­keit in der Einschät­zung.

Dafür gibt es verschie­dene Argumente, aber die Grund­über­le­gung ist sehr simpel. Erstens ist (inter­na­tio­nale) Arbeits­tei­lung die Grund­lage des Wohlstandes (man stelle sich eine autarke Schweiz vor) und zweitens findet jeder Handel nur statt, wenn beide davon profi­tieren. Die Argumen­ta­tion der US-Admini­stra­tion macht klar, dass sie diese beiden Prämissen nicht akzep­tiert oder nicht versteht. Wenn sie etwa jedes bilate­rale Handels­de­fizit als proble­ma­tisch erachtet und die Produk­tion möglichst vieler Güter in die USA zurück­holen möchte, dann beschreitet sie de facto den immens teuren und ineffi­zi­enten Weg in Richtung Autarkie. Und wenn sie immer wieder insistiert, dass der Handel mit gewissen Ländern auf Kosten der USA ginge, dann glaubt sie, dass Aussen­handel ein Nullsum­men­spiel ist und damit der Gewinn des einen dem Verlust des anderen entspricht. Das ist aber ein funda­men­tales Missver­ständnis, weil man niemandem zum Handeln zwingen kann und ein Austausch deshalb nur statt­findet, wenn beide Seiten profi­tieren; es ist eben ein Positiv­sum­men­spiel, das den Kuchen insge­samt vergrös­sert und es geht deshalb eben gerade nicht um das Verteilen eines bestehenden Kuchens.

Vor diesem Hinter­grund ist ökono­misch völlig unbestritten, dass das Erheben von Zöllen schäd­lich ist und dass die US-Admini­stra­tion sich und ihrem Land einen monumen­talen Bären­dienst erweist, wenn sie daran festhält. Das polit-ökono­mi­sche Problem daran ist, dass die Kosten von Zöllen vor allem langfri­stig kommen. Kurzfri­stig sind sie attraktiv, da sie die inlän­di­sche Produk­tion zu schützen scheinen und gleich­zeitig noch Staats­ein­nahmen generieren. Die Kosten kommen aber vor allem länger­fri­stig, weil die Wertschöp­fungs­ketten neu und weniger effizient organi­siert werden müssen und die Arbeits­kräfte weniger produktiv einge­setzt werden. Das reduziert das zukünf­tige Wachs­tums­po­ten­tial empfind­lich. Eine negative Auswir­kung ist aber immerhin schon kurz- bis mittel­fri­stig zu spüren, und zwar der Anstieg der Güter­preise.

Drohende Infla­tion (Kaufkraft­ver­lust)

Und damit sind wir beim zweiten beson­ders bemer­kens­werten Effekt des Trump’schen Politik­mixes. Praktisch alle Massnahmen drohen, die Infla­tion anzuheizen. Das ist einmal die eben beschrie­bene Handels­po­litik. Ein guter Teil der Zölle wird in der Regel auf die Kundschaft überwälzt. Dass das in den USA bereits einge­setzt hat, ist klar zu sehen, klagen doch Konsu­mie­rende in zuneh­mendem Masse über die fallende Erschwing­lich­keit von Gütern, die mit hohen Zöllen belegt sind. Aber auch die scharfen Migra­ti­ons­ein­schrän­kungen führen über die zuneh­mende Verknap­pung der Arbeits­kräfte zu Lohndruck und damit Preis­er­hö­hungen. Denselben Effekt hat die Haushalts­po­litik über Steuer­sen­kungen kombi­niert mit weiterhin ausser­or­dent­lich hohen Staats­aus­gaben. Und zu schlechter Letzt attackiert die Admini­stra­tion laufend die US-Zentral­bank und verlangt drasti­sche Zinssen­kungen. Diese Angriffe unter­wan­dern die für die Preis­sta­bi­lität zentrale Unabhän­gig­keit der Zentral­bank und allfäl­lige weitere Zinssen­kungen würden ebenfalls infla­to­risch wirken. Insge­samt sind alle Elemente dieses Policy-Mixes preis­trei­bend und es ist denn auch keine Überra­schung, dass trotz eintrü­bender Wirtschafts­ent­wick­lung die US-Infla­tion und insbe­son­dere auch die Kernin­fla­tion hartnäckig bei 3% verharren. Die steigenden Infla­ti­ons­er­war­tungen signa­li­sieren zudem, dass der Höhepunkt dieser Entwick­lung wohl noch nicht erreicht ist.

… und die Schweiz?

Die Schweiz wurde bekannt­lich beson­ders stark vom US-Zollhammer getroffen. Entspre­chend sorgten einbre­chende Waren­ex­porte für ein schwa­ches BIP-Wachstum im zweiten Quartal und einen deutli­chen Rückgang im dritten. Als stark export­ab­hän­giges Land kann sich die Schweiz einem solchen Aussen­han­dels­schock nicht entziehen. Positiv zu vermerken ist immerhin, dass sich inzwi­schen ein Abkommen abzeichnet, das zu einer Reduk­tion der Zölle von strato­sphä­ri­schen 39% zu immer noch hohen 15% führen dürfte. Entschei­dend ist dabei, dass die Schweiz damit eine ähnliche Belastung wie die EU haben dürfte, womit zusätz­liche Verdrän­gungs­ef­fekte zu ihren Lasten reduziert werden. Entspre­chend ist mit einer leichten Erholung der Aussichten zu rechnen und der BIP-Einbruch im dritten Quartal könnte doch nicht den Beginn einer Rezes­sion bedeuten.

Ganz generell zeigen die jüngsten Reaktionen der US-Admini­stra­tion, dass dort die Einsicht zu reifen beginnt, dass die Zollpo­litik die Preise erhöht, die Erschwing­lich­keit von Gütern für US-Haushalte reduziert und damit zuneh­mend die Popula­rität der Regie­rung beein­träch­tigt. Es ist deshalb durchaus denkbar, dass in naher Zukunft die protek­tio­ni­sti­schen Massnahmen etwas zurück­ge­fahren werden, was die Aussichten der Weltwirt­schaft doch deutlich aufhellen könnte. Angesichts der in diesem Jahr bewie­senen Unste­tig­keit der US-Admini­stra­tion ist das vorerst aber vor allem eine zarte Hoffnung.

 

Autor

Prof. Dr. Aymo Brunetti
Prof. Dr. Aymo Brunetti
Makroökonomischer Beirat

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Verantwort­lich

 

Prof. Dr. Aymo Brunetti
Ökonom, Professor für Wirtschafts­po­litik an der Univer­sität Bern

Simon Lutz 
Chief Invest­ment Officer
s.​lutz@​tareno.​ch

 

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