Gesund­heits­sektor im Schatten der KI: Wann kehrt das Anleger­inter­esse zurück?

Wir haben kürzlich an der 47. Goldman Sachs Global Health­care Confe­rence teilge­nommen. Es überraschte nicht, dass KI ein zentrales Thema war. Was uns jedoch mehr überraschte, war, wie schnell sich viele Gespräche auf die überge­ord­nete Frage verla­gerten, warum der Gesund­heits­sektor schon so lange hinter den Erwar­tungen zurück­bleibt und was nötig wäre, damit Investoren wieder Inter­esse zeigen.

Das Problem des Gesund­heits­we­sens besteht nicht darin, dass die langfri­stigen Funda­men­tal­daten verschwunden sind. Die alternde Bevöl­ke­rung, chroni­sche Krank­heiten, Innova­tionen und die Notwen­dig­keit, die system­weiten Kosten zu kontrol­lieren, sind nach wie vor vorhanden. Vielmehr hat der Gelegen­heits­in­ve­stor derzeit wenig Grund, über KI hinaus­zu­schauen. Ist das Gesund­heits­wesen in den Schatten geraten: funda­mental gesund, aber weitge­hend vergessen?

Wie sieht es mit der Nachfrage aus?

Eine der zentralen Fragen auf der Konfe­renz war, ob die Nachfrage im Gesund­heits­wesen nach mehreren Jahren starken Wachs­tums nun nachlässt. Die Sorge ist nachvoll­ziehbar: Höhere Versi­che­rungs­prä­mien und höhere Eigen­an­teile können dazu führen, dass Verbrau­cher selek­tiver werden, was sich in der Inanspruch­nahme nieder­schlagen kann. Das erste Quartal 2026 lieferte keine eindeu­tigen Anhalts­punkte. Eine harmlose Grippe­saison, Winter­stürme und besser als erwar­tete Medical-Loss-Ratios bei Managed-Care-Unter­nehmen erschwerten die Einschät­zung des tatsäch­li­chen zugrunde liegenden Trend einzu­schätzen. Dadurch gewinnen die Berichte zum 2. Quartal an Bedeu­tung.

Aller­dings ist das Gesund­heits­wesen keine homogene Verbrau­cher­ka­te­gorie. Ein Großteil der Nachfrage ist staat­lich finan­ziert, chronisch, akut oder medizi­nisch notwendig. Das Risiko besteht daher weniger in einem Einbruch der Nachfrage als vielmehr in einer Norma­li­sie­rung von einem erhöhten Niveau aus. Erfreu­li­cher­weise deuteten mehrere Unter­nehmen auf der Konfe­renz an, dass sie für das zweite Quartal 2026 eine Erholung der Inanspruch­nahme erwarten.

Die Bewer­tung allein reicht nicht aus

Die Bewer­tung ist ein weiterer wichtiger Aspekt der Debatte. Mehrere Teilsek­toren des Gesund­heits-wesens erscheinen derzeit im Vergleich zu ihrer eigenen histo­ri­schen Entwick­lung oder zum Gesamt­markt günstig. Dies zeigt sich beson­ders deutlich in der Medizin­technik, wo sich verlang­samtes Wachstum, teilweise negative Gewinn­re­vi­sionen und der Wettbe­werb durch andere Anlage­themen stark auf die Stimmung ausge­wirkt haben.

Eine niedrige Bewer­tung ist jedoch selten ein Auslöser an sich. Zwar kann sie die Voraus­set­zungen für bessere zukünf­tige Renditen schaffen, doch können günstige Aktien und Sektoren lange Zeit in diesem Zustand verharren.

Der fehlende Auslöser liegt vielleicht direkt vor der Nase

Theore­tisch benötigt der Sektor einen Auslöser. In der Praxis könnte dieser Auslöser jedoch außer­halb des Gesund­heits­we­sens liegen. Solange KI-bezogene Aktien den Großteil der Aufmerk­sam­keit des Marktes auf sich ziehen, kann das stabile Wachstum im Gesund­heits­wesen für allge­meine Anleger unspek­ta­kulär wirken. Sollte sich die Führungs­rolle der KI jedoch ausweiten, ins Stocken geraten oder enttäu­schen, könnten die „langwei­ligen“ Eigen-schaften des Gesund­heits­we­sens – sicht­bare Cashflows und eine wider­stands­fä­hige Nachfrage – wieder an Attrak­ti­vität gewinnen.

Der Gesund­heits­sektor hat sich in der Vergan­gen­heit in turbu­lenten Märkten gut entwickelt und fungierte als „Brand­ver­si­che­rung“ des Marktes. Das Problem ist nicht, dass die Versi­che­rung nicht mehr funktio­niert. Das Problem ist, dass die Anleger derzeit nicht daran glauben, dass es brennt – trotz geopo­li­ti­scher Turbu­lenzen, fiska­li­scher Belastungen und politi­scher Unsicher­heit.

Dennoch scheint der alte Mecha­nismus intakt zu sein: Als die Volati­lität in der ersten Juniwoche 2026 zunahm, begann der Gesund­heits­sektor erneut, als Stabi­li­sator zu wirken.

Könnte eine Rotation aus KI-Aktien Health­care neuen Rücken­wind verleihen?

Der Gesund­heits­sektor bleibt ein Sektor mit starken langfri­stigen struk­tu­rellen Treibern, doch struk­tu­relle Argumente allein reichen derzeit nicht aus. Anleger wollen Beweise dafür, dass die Nachfrage wider­stands­fähig ist, die Schät­zungen reali­stisch sind und die Kapital­al­lo­ka­tion aktio­närs­freund­lich erfolgt.

Die gute Nachricht ist, dass die Erwar­tungen nach einer langen Phase der Under­per­for­mance niedrig sind. Die weniger erfreu­liche Wahrheit ist, dass ein Großteil der Erholung von etwas abhängen könnte, das Gesund­heits­un­ter­nehmen nicht kontrol­lieren: davon, ob Anleger wieder beginnen, über KI hinaus­zu­schauen. Für uns stellt sich daher nicht die Frage, ob das Gesund­heits­wesen wieder seinen Platz an der Sonne finden wird, sondern wann die Anleger beginnen, über KI hinaus­zu­schauen.

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