Brunetti View: Bemer­kens­wert leistungs­fä­hige Schweizer Wirtschaft

Die Weltwirt­schaft ist momentan von sehr grosser Unsicher­heit geprägt. Insbe­son­dere der Krieg im Nahen Osten bringt laufend neue Wendungen und jede Prognose muss sehr mutige Annahmen treffen. Wenn sich die geopo­li­ti­sche Situa­tion nicht drastisch verschlech­tert und die aktuellen Friedens­be­mü­hungen im Nahen Osten nachhaltig erfolg­reich sind, dann ist in den meisten Ländern zwar mit einem relativ tiefen Wachstum in diesem Jahr zu rechnen, nicht aber mit Rezes­sionen.
Berglandschaft mit See, grünen Hängen und felsigen Gipfeln unter blauem Himmel. Die Berge spiegeln sich im ruhigen Wasser.

Industrie gewinnt nach langer Durst­strecke wieder an Dynamik

Insbe­son­dere die Industrie scheint nach sehr langer Durst­strecke im Jahres­ver­lauf etwas an Dynamik zu gewinnen. Für 2027 wird denn auch allge­mein von einem leicht höheren Wachstum ausge­gangen. Der grösste makro­öko­no­mi­sche Problem­be­reich scheint mir im Moment die Infla­ti­ons­ent­wick­lung zu sein; nicht in der Schweiz, aber bei ihren wichtig­sten Handels­part­nern. Der Infla­ti­ons­schub nach der Pandemie konnte zwar mit zu später, aber dann doch entschlos­sener geldpo­li­ti­scher Reaktion einge­dämmt werden. Sowohl den USA als auch dem Euroraum gelang es in der Folge aber nicht, die Kernin­fla­tion (Infla­tion ausge­nommen die volatilen Energie- und Nahrungs­mit­tel­preise) unter die ominösen 2% zu senken. Das signa­li­siert eine nach wie vor jenseits der Preis­sta­bi­lität liegende Infla­ti­ons­ten­denz.

Markanter, grasbewachsener Berggrat mit steilen Felsformationen. Im Hintergrund erstrecken sich weitere Bergketten und Täler unter einem dicht bewölkten Himmel.

Der jüngste Anstieg insbe­son­dere der Erdöl­preise hat nun zu einer deutlich höheren Infla­tion geführt. Und weil es nicht wirklich gelungen war, die Kernin­fla­tion zu senken, findet dieser Anstieg in einem Umfeld erhöhter Infla­ti­ons­er­war­tungen statt, was die Entste­hung von Lohn-Preis-Spiralen und damit einer nachhal­tigen Infla­ti­ons­dy­namik begün­stigt. Wollen die EZB und vor allem die Fed diese Dynamik brechen, müssten sie rasch mit mehreren Zinser­hö­hungs­schritten reagieren. Angesichts der Erwar­tungen des US-Präsi­denten an seinen neu ernannten Fed-Chef Kevin Warsh dürfte das insbe­son­dere jenseits des Atlan­tiks äusserst schwierig sein. Mit einem raschen Rückgang der Infla­ti­ons­dy­namik vor allem in den USA ist deshalb in naher Zukunft nicht zu rechnen. Angesichts der markanten Infla­ti­ons­dif­fe­renzen dürfte das ohne starke Gegen­re­ak­tion der SNB in den kommenden Monaten zu einer weiteren nominalen Stärkung des Schweizer Frankens beitragen, ohne dass dadurch die preis­liche Wettbe­werbs­fä­hig­keit der Schweizer Wirtschaft tangiert wäre (unver­än­derter realer Wechsel­kurs).

 

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Sind die Schweizer in den letzten Jahren wirklich reicher geworden?

Ich möchte aber einen anderen, erfreu­li­cheren Aspekt zum Haupt­thema dieser «View» machen. Und zwar geht es um eine Frage, die auch in der hitzigen Diskus­sion um die 10-Millionen-Initia­tive immer wieder aufge­bracht wurde und die sicher auch die kommende Ausein­an­der­set­zung um die EU-Politik prägen wird. Sind die Schweizer in den letzten Jahren wirklich reicher geworden oder hatten wir nur ein sogenanntes Wachstum «in die Breite», welches das pro-Kopf-Einkommen unberührt lässt? Das SECO hat vor kurzem aufschluss­reiche Daten veröf­fent­licht, die es erlauben, dieser Frage fundierter nachzu­gehen.

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Klarer Wohlstands­vor­sprung…

Wie reich sind wir heute im Vergleich mit wichtigen anderen Industrie­län­dern? Um das zu beant­worten, müssen wir die unten­ste­hende Tabelle aus der SECO-Publi­ka­tion Schritt für Schritt durch­gehen. Die Schweiz wird hier für das Jahr 2025 mit den USA, dem gesamten Euroraum sowie den drei grössten Ländern des Euroraums vergli­chen. Die meisten würden wohl – bevor sie diese Tabelle konsul­tieren – vermuten, dass die Schweiz etwas reicher als die Euroländer ist, aber eher weniger reich als die in den letzten Jahrzehnten hochge­lobten USA. Die erste Spalte der Tabelle zeigt die Bevöl­ke­rungs­zahl dieser Länder und die zweite ihr zu laufenden Wechsel­kursen in Dollar umgerech­netes Brutto­in­land­pro­dukt (BIP). Teilt man das BIP durch die Bevöl­ke­rungs­zahl, erhält man in der dritten Spalte das BIP pro Kopf in Tausend US-Dollars; das ist das zentrale Mass, mit dem norma­ler­weise der Wohlstand zwischen Industrie­län­dern vergli­chen wird. Es spricht eine deutliche Sprache. Die Schweiz ist gemessen an diesem Indikator mehr als doppelt so reich wie Frank­reich oder Italien und auch Deutsch­land ist weit abgehängt.

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… und nach wie vor dynami­sche Entwick­lung

Mit der Grafik «Wachstum des pro Kopf-Einkom­mens der letzten 20 Jahre» wenden wir uns jetzt der Wachs­tums­ent­wick­lung zu.

Sie zeigt für eine ähnliche Länder­gruppe die Entwick­lung des pro Kopf Einkom­mens mit einem Index mit dem Jahr 2006 als Basis. Man sieht, dass die Schweiz ein ähnlich hohes Wachstum hatte wie Deutsch­land oder der gesamte Euroraum und ein leicht tieferes als die USA.  Die Grafik wider­spricht der These eines reinen «Wachs­tums in die Breite» deutlich, weil da die Kurve flach sein müsste. Wie bemer­kens­wert die Schweizer Perfor­mance war, macht die Kombi­na­tion mit der Analyse der vorhe­rigen Tabelle klar. Die Schweiz war schon im Ausgangs­punkt das mit Abstand reichste der betrach­teten Länder und ist von der Spitze aus nochmals gleich stark gewachsen. Die ökono­mi­sche Theorie und die meisten empiri­schen Ergeb­nisse sagen in der Regel Konver­genz voraus, das heisst, dass reiche, vergleich­bare Länder eigent­lich tiefere Wachs­tums­raten haben sollten als ärmere. Die Schweiz ist so erfolg­reich, dass ihre Perfor­mance der letzten 20 Jahre dieser ökono­mi­schen Regel wider­spricht. Die in dieser Zeit dynami­schere Entwick­lung der USA muss im Übrigen etwas relati­viert werden, da die unver­ant­wort­lich steigenden Staats­schulden signa­li­sieren, dass hier die übermässig aufge­blähte staat­liche Nachfrage einen ungesunden Boom befeuert haben dürfte.

 

 

Türkisfarbener Fluss in einer engen, felsigen Schlucht. Steile, teils moosbewachsene Felswände und grüne Laubbäume umgeben das Gewässer; im Hintergrund fällt ein kleiner Wasserfall in die Schlucht.

Die Kombi­na­tion aus hervor­ra­genden Stand­ort­be­din­gungen, vernünf­tiger Wirtschafts­po­litik und inter­na­tional erfolg­rei­chen Unter­nehmen in sehr unter­schied­li­chen Branchen hat dafür gesorgt, dass die Schweiz in den turbu­lenten letzten Jahrzehnten wirtschaft­lich sehr erfolg­reich war. Es gibt wenige Gründe, die wirtschafts­po­li­ti­schen Kernele­mente dieses Erfolgs­mo­dells in Frage zu stellen.

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Beirat Prof. Dr. Aymo Brunetti

Unser Beirat Prof. Dr. Aymo Brunetti infor­miert unsere Kunden­be­rater und unser Anlage­ko­mitee regel­mässig über wichtige makro­öko­no­mi­sche Entwick­lungen. Seine Einschät­zungen fliessen in die Anlage­po­litik von Tareno ein und leisten damit einen wertvollen Beitrag zu unseren Anlage­ent­schei­dungen.

Verant­wort­lich 

Simon Lutz
Chief Invest­ment Officer
s.​lutz@​tareno.​ch

 

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