Health­care ist nicht gleich Pharma: Welche Teilbe­reiche Anleger kennen sollten

Health­care ist weit mehr als Pharma. Von Medizin­technik über Gesund­heits­dienst­lei­stungen bis hin zu digitalen Lösungen bietet der Sektor eine Vielzahl unter­schied­li­cher Geschäfts­mo­delle. Doch worin unter­scheiden sich diese aus Anleger­sicht? Ein Überblick über die wichtig­sten Teilbe­reiche, ihre Wachs­tums­treiber sowie die damit verbun­denen Chancen und Risiken.

Health­care als Anlage­uni­versum: Mehr als nur Medika­mente

Gerade in der Schweiz wird Health­care als Anlage­thema häufig mit dem Pharma­sektor gleich­ge­setzt. Das ist verständ­lich: Mit Roche und Novartis befinden sich zwei der weltweit grössten Pharma­kon­zerne praktisch vor unserer Haustür und gehören seit Jahrzehnten zu den Schwer­ge­wichten des Schweizer Aktien­markts.

Doch das Health­care-Anlage­uni­versum ist wesent­lich breiter. Gemäss der inter­na­tional etablierten GICS-Klassi­fi­ka­tion umfasst der Sektor sechs Teilbe­reiche: Pharmaceu­ti­cals, Biotech­no­logy, Health Care Equip­ment & Supplies, Health Care Provi­ders & Services, Life Sciences Tools & Services und Health Care Techno­logy.

Im MSCI World Health Care entfallen auf Pharma und Biotech­no­logie zusammen rund 64% der Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung. Die übrigen 36% sollten Anleger jedoch nicht ausser Acht lassen. Sie umfassen Geschäfts­mo­delle mit teilweise deutlich anderen und oftmals komple­men­tären Risiko‑, Wachs­tums- und Ertrags­ei­gen­schaften.

US Gesundheitsausgaben 2024 nach ausgewaehlten Bereichen T 1

Ein Blick auf die Gesund­heits­aus­gaben zeigt, wie breit der Sektor tatsäch­lich ist

Beson­ders detail­lierte Daten zum Gesund­heits­markt liefern die Centers for Medicare & Medicaid Services (CMS), eine Behörde des US-Gesund­heits­mi­ni­ste­riums. 2024 wurden in den USA rund 5,3 Billionen US-Dollar für Gesund­heit ausge­geben, was rund 18% der gesamten Wirtschafts­lei­stung entspricht.

Davon entfielen ledig­lich 9% auf verschrei­bungs­pflich­tige Medika­mente, die über Apotheken abgegeben wurden. Deutlich grössere Kosten­blöcke waren Spital­be­hand­lungen mit 31% sowie ärztliche und klini­sche Leistungen mit 21%. Hinzu kamen unter anderem Pflege­ein­rich­tungen, Zahnme­dizin, ambulante Pflege und medizi­ni­sche Hilfs­mittel.

Der Blick über die USA hinaus zeigt zudem einen langfri­stigen struk­tu­rellen Trend: Mit steigendem Wohlstand nehmen in der Regel auch die Gesund­heits­aus­gaben pro Kopf zu. Beson­ders in aufstre­benden Volks­wirt­schaften dürfte der Ausbau der medizi­ni­schen Versor­gung deshalb langfri­stig für zusätz­liche Nachfrage sorgen.

Health­care geht weit über Pharma hinaus

Pharma und Biotech­no­logie entwickeln thera­peu­ti­sche Wirkstoffe. Tradi­tio­nell wurden als Pharma­un­ter­nehmen vor allem Firmen bezeichnet, deren Medika­mente auf chemisch synthe­ti­sierten Wirkstoffen basieren. Biotech­no­lo­gie­un­ter­nehmen entwickeln dagegen Thera­pien auf Basis biolo­gi­scher Systeme, beispiels­weise Zellen, Prote­inen oder Genen.

Diese Unter­schei­dung verwischt jedoch zuneh­mend. Roche etwa gehört heute gleich­zeitig zu den weltweit grössten Pharma­un­ter­nehmen und zu den bedeu­tend­sten Biotech­no­lo­gie­un­ter­nehmen.

Health Care Equip­ment & Supplies (MedTech) umfasst unter anderem Implan­tate, chirur­gi­sche Instru­mente, Diagno­stik­ge­räte, Diabe­tes­tech­no­lo­gien und Opera­ti­ons­ro­boter. Schweizer Beispiele sind Strau­mann, Sonova und Alcon.

Charak­te­ri­stisch für MedTech ist, dass Innova­tion häufig schritt­weise erfolgt: Ein Implantat oder ein chirur­gi­sches System wird über viele Produkt­ge­ne­ra­tionen hinweg konti­nu­ier­lich verbes­sert. Gerade diese techni­sche und mecha­ni­sche Natur der Produkte schafft fortlau­fende Innova­ti­ons­mög­lich­keiten. Unsere Erfah­rung zeigt, dass nicht nur bahnbre­chende Entwick­lungen, sondern auch die konti­nu­ier­liche Weiter­ent­wick­lung bestehender Medizin­technik ein wichtiger Wachs­tums­treiber der Branche ist.

Health Care Provi­ders & Services umfasst unter anderem Spitäler, Pflege­an­bieter, Labor­dienst­lei­ster, Distri­bu­toren und Kranken­ver­si­che­rungen. Ein Schweizer Beispiel ist Galenica als Medika­men­ten­dis­tri­bu­torin und Betrei­berin von Apotheken. Inter­na­tional gehören auch grosse Kranken­ver­si­cherer und Spital­gruppen zu diesem Segment.

Hier spielen Faktoren wie Ausla­stung, Perso­nal­ko­sten, Vergü­tungs­sy­steme und opera­tive Effizienz eine wesent­lich grössere Rolle als etwa Patente oder klini­sche Studien.

Life Sciences Tools & Services sind zu einem grossen Teil Zulie­ferer der Biophar­ma­in­du­strie. Sie liefern Instru­mente, Verbrauchs­ma­te­ria­lien sowie Forschungs- und Produk­ti­ons­dienst­lei­stungen an Pharma- und Biotech­no­lo­gie­un­ter­nehmen. In der Schweiz gehören beispiels­weise Lonza, Bachem und Tecan in dieses Umfeld.

Health Care Techno­logy umfasst Software, Daten­platt­formen und IT-Dienst­lei­stungen speziell für Ärzte, Spitäler und andere Health­care-Unter­nehmen. Ein inter­na­tional bekanntes Beispiel ist Veeva Systems.

Eine Beson­der­heit des Gesund­heits­we­sens bleibt dabei die starke Fragmen­tie­rung und Sensi­ti­vität medizi­ni­scher Daten. Gerade das macht die Digita­li­sie­rung gleich­zeitig beson­ders attraktiv und anspruchs­voll.

Gleiche langfri­stige Treiber, aber unter­schied­liche Geschäfts­mo­delle

Fast alle Health­care-Bereiche profi­tieren langfri­stig von mehreren struk­tu­rellen Wachs­tums­trei­bern:

  1. Bevöl­ke­rungs­al­te­rung: Mit zuneh­mendem Alter nehmen viele Erkran­kungen zu und damit auch der Bedarf an medizi­ni­scher Behand­lung.
  2. Verän­derte Lebens­ge­wohn­heiten: Überge­wicht, Diabetes und andere chroni­sche Erkran­kungen erhöhen weltweit den Behand­lungs­be­darf.
  3. Wachsende Mittel­schicht in Schwel­len­län­dern: Mit steigendem Wohlstand verbes­sern sich der Zugang zur medizi­ni­schen Versor­gung und die finan­zi­ellen Möglich­keiten, Gesund­heits­lei­stungen in Anspruch zu nehmen.
  4. Digita­li­sie­rung und Innova­tion: Neue Medika­mente, Medizin­tech­no­lo­gien und digitale Lösungen ermög­li­chen es, Krank­heiten besser oder erstmals wirksam zu behan­deln und bestehende Thera­pien effizi­enter zu gestalten.

Trotz dieser gemein­samen Wachs­tums­treiber unter­scheiden sich die Invest­ment­cha­rak­te­ri­stiken der einzelnen Subsek­toren erheb­lich.

Investmentcharakteristiken der Healthcare Subsektoren T 2

 

Ein erfolg­rei­ches Medika­ment kann beispiels­weise Milli­ar­den­um­sätze erzielen. Gleich­zeitig können ein auslau­fender Patent­schutz, Konkur­renz­pro­dukte oder enttäu­schende klini­sche Studi­en­daten den wirtschaft­li­chen Wert eines Pharma- oder Biotech­un­ter­neh­mens und damit auch dessen Aktien­kurs stark beein­flussen.

Bei einem MedTech-Unter­nehmen verteilt sich das Wachstum dagegen häufig auf eine Vielzahl von Produkten, Produkt­ge­ne­ra­tionen und medizi­ni­schen Eingriffen. Gleich­zeitig kann ein erfolg­reich etabliertes System langfri­stige Wettbe­werbs­vor­teile schaffen, etwa durch eine grosse instal­lierte Basis, Schulungen, Software oder wieder­keh­rende Verbrauchs­ma­te­ria­lien.

Life-Sciences-Unter­nehmen hängen wiederum stärker von den Forschungs- und Investi­ti­ons­bud­gets ihrer Pharma- und Biotech­kunden ab. Bei Spitä­lern und Kranken­ver­si­che­rungen spielen dagegen Faktoren wie Perso­nal­ko­sten, Ausla­stung und regula­to­risch bestimmte Vergü­tungs­sy­steme eine grössere Rolle.

Aufgrund dieser unter­schied­li­chen Geschäfts­mo­delle und Risiko­treiber können sich die einzelnen Health­care-Subsek­toren an der Börse über Jahre sehr unter­schied­lich entwickeln.

Healthcare fullscreen Finanz-Ratgeber

Worauf sollten Anleger achten?

Einer der häufig­sten Fehler besteht darin, Health­care als einheit­li­ches Invest­ment­thema zu betrachten. Ein Pharma­kon­zern, ein Hersteller von Herzka­the­tern, ein Kranken­ver­si­cherer und ein Anbieter von Labor­in­stru­menten gehören zwar alle zum Gesund­heits­sektor, ihre Geschäfts­mo­delle und finan­zi­ellen Charak­te­ri­stiken unter­scheiden sich jedoch erheb­lich.

Für Anleger lohnt es sich deshalb, bei jedem Unter­nehmen insbe­son­dere drei Fragen zu stellen:

  • Wovon hängt das Wachstum ab?

  • Wie gut vorher­sehbar sind Umsatz und Cashflow?

  • Welche Ereig­nisse können die Invest­ment­these grund­le­gend verän­dern?

Für uns ist genau das der entschei­dende Punkt: Health­care ist als Anlage­uni­versum zu breit, um es auf Pharma zu reduzieren.

Pharma bietet hohe Margen und starke Innova­ti­ons­chancen, ist aber gleich­zeitig mit Patent- und Entwick­lungs­ri­siken verbunden. MedTech-Unter­nehmen können über instal­lierte Systeme und wieder­keh­rende Verbrauchs­ma­te­ria­lien attrak­tive und gut vorher­seh­bare Geschäfts­mo­delle aufbauen. Life Sciences Tools ermög­li­chen eine Betei­li­gung an Forschung und Innova­tion, ohne das volle klini­sche Risiko eines einzelnen Medika­ments zu tragen. Provi­ders & Services sowie Health Care Techno­logy bringen wiederum andere Umsatz­treiber und Risiko­pro­file in ein Portfolio ein.

Diver­si­fi­ka­tion inner­halb von Health­care bedeutet deshalb nicht nur, in mehrere Unter­nehmen zu investieren. Entschei­dend ist vielmehr, unter­schied­liche Geschäfts­mo­delle, Wachs­tums­treiber und Risiken mitein­ander zu kombi­nieren.

Fazit: Health­care-Aktien diffe­ren­ziert beurteilen

Health­care ist weit mehr als Pharma. Der Sektor umfasst eine ausser­ge­wöhn­lich breite Palette von Geschäfts­mo­dellen.

Gerade diese Bandbreite macht den Health­care-Sektor beson­ders spannend, erfor­dert jedoch fundierte Exper­tise. Wer die unter­schied­li­chen Geschäfts­mo­delle sowie ihre wissen­schaft­li­chen, regula­to­ri­schen und wirtschaft­li­chen Treiber versteht, kann Chancen und Risiken fundiert einordnen.

Mehr über die Exper­tise von Tareno im Health­care Sektor erfahren Sie auf unserer Webseite.

Tareno HEALTH­CARE FUNDS ENTDECKEN

Autor

Raphael Oesch
Raphael Oesch
Fondsmanager

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