Tareno View April 2026

Der dritte Golfkrieg hält die Finanz­märkte seit gut sechs Wochen in Atem. Täglich neue, teils wider­sprüch­liche Signale aus Washington zwingen Anleger zu einer laufenden Neube­ur­tei­lung der Lage.

Veröf­fent­licht: 14.04.2026

Mit Ruhe und Diszi­plin durch geopo­li­ti­sche Unsicher­heit

Der dritte Golfkrieg hält die Finanz­märkte seit gut sechs Wochen in Atem. Täglich neue, teils wider­sprüch­liche Signale aus Washington zwingen Anleger zu einer laufenden Neube­ur­tei­lung der Lage. Im Zentrum stehen drei Fragen: Wie lange bleibt die Strasse von Hormus blockiert? Wie entwickeln sich die  Energie­preise? Und was bedeutet der Angebots­schock für Infla­tion, Zinsen und Wachstum?

Gerade in einem solchen Umfeld ist entschei­dend, mit Ruhe und Diszi­plin durch die geopo­li­ti­sche Unsicher­heit hindurch­zu­sehen und den umfas­senden, länger­fri­stigen Blick zu bewahren. Im vorlie­genden Tareno View legen wir dar, wie wir die makro­öko­no­mi­sche Lage einschätzen, wo wir an den Märkten Chancen und Risiken sehen und wie wir unsere Portfo­lios in diesem unsicheren Umfeld positio­nieren. Unsere Quint­essenz vorweg: An der Anlage­stra­tegie festhalten, jedoch nach der scharfen Kurser­ho­lung mit neuen Risiko­an­lagen Zurück­hal­tung wahren.

 

Makro­öko­no­mi­sches Umfeld

Begrenzter Energie­preis­schock

Seit Ausbruch des Krieges kreist die Debatte um seine makro­öko­no­mi­schen Folgen. Klar ist: Eine blockierte Strasse von Hormus führt zu einer empfind­li­chen Verknap­pung von Energie und anderen Rohstoffen aus dem Persi­schen Golf. Die ökono­mi­sche Ketten­re­ak­tion beinhaltet höhere Energie­preise, steigender Infla­ti­ons­druck, festere Zinser­war­tungen und tiefere Wachs­tums­pro­gnosen. Entspre­chend sind die Kapital­märkte kurzfri­stig unter Druck geraten.

Ausschlag­ge­bend ist jedoch nicht der Schock selbst, sondern seine Dauer. Je länger die Handels­route blockiert bleibt und je stärker die Energie­infra­struktur beschä­digt wird, desto grösser ist das Risiko, dass aus einem tempo­rären Angebots­schock ein breiterer, negativer Konjunktur- und Infla­ti­ons­im­puls entsteht. Seit dem 8. April gilt eine Waffen­ruhe. Die diplo­ma­ti­schen Gespräche verliefen bisher ergeb­nislos, doch eine Einigung in den kommenden Wochen erscheint reali­stisch, da die Kosten einer weiteren Eskala­tion für beide Seiten erheb­lich wären.

Die struk­tu­rellen Wachs­tums­kräfte bleiben intakt

Unser Basis­sze­nario bleibt deshalb, dass die Strasse von Hormus nicht über längere Zeit geschlossen wird und die Energie­preise nicht weiter markant steigen. In diesem Fall dürften die globalen Infla­ti­ons­raten nur moderat vorüber­ge­hend zulegen, womit die grossen Zentral­banken nicht zu erneuten Zinser­hö­hungen gezwungen wären.Damit dürfte sich die positive Konjunk­tur­dy­namik fortsetzen, gestützt durch zwei bedeu­tende struk­tu­relle Wachs­tums­kräfte:

Erstens treibt die Künst­liche Intel­li­genz weiterhin einen massiven Investi­ti­ons­zy­klus in Rechen­zen­tren und Energie­infra­struktur an. Zweitens wirkt die Fiskal­po­litik in den USA, in Deutsch­land und in Japan expansiv. Solange der Energie­schock zeitlich begrenzt bleibt, sehen wir daher keinen Bruch des globalen Wachs­tums­pfads, sondern eine tempo­räre Belastung inner­halb eines weiterhin robusten Konjunk­tur­um­felds.

Davon zeugen auch eine Vielzahl von hochfre­quenten Konjunk­tur­in­di­ka­toren, wie beispiels­weise der Weekly Economic Index der Dallas Fed der auf Basis mehrerer tägli­cher und wöchent­li­cher Daten­reihen ein zeitnahes Signal für die aktuelle reale Wirtschafts­ak­ti­vität in den USA liefert und auf das BIP-Wachstum skaliert ist. Der aktuellste Wert vom 9. April signa­li­siert ein überdurch­schnitt­li­ches Wachstum von 2.7%.

 

Markt­kom­mentar

Die Märkte setzen auf Norma­li­sie­rung

Mit der Waffen­ruhe haben sich die globalen Aktien­märkte deutlich von ihren Tiefst­ständen gelöst und notieren nur noch moderat unter ihren Höchst­ständen.

 

Das Aufatmen an den Börsen ist nachvoll­ziehbar, doch eine vollstän­dige Entwar­nung wäre verfrüht. Schei­tern die Verhand­lungen oder kommt es zu erneuten Angriffen auf Energie­infra­struktur und Trans­port­wege, wären die Folgen deutlich gravie­render als in unserem Basis­sze­nario. Ein länger anhal­tender Angebots­schock würde nicht nur die Infla­tion anheizen, sondern auch die Gewinn­margen energie­in­ten­siver Unter­nehmen belasten und die Zentral­banken in ein unange­nehmes Dilemma bringen.

Die Risiken sind nur begrenzt einge­preist

Gerade deshalb mahnen wir bei Neuin­ve­sti­tionen zur Vorsicht. Die Anleger­stim­mung ist bereits wieder in neutrales Terri­to­rium zurück­ge­kehrt, und die Termin­märkte für Rohöl antizi­pieren erneut deutlich sinkende Ölpreise. Mit anderen Worten: Die Risiken sind in den Kursen nur begrenzt reflek­tiert. Kommt es zu einer erneuten Eskala­tion, ist Enttäu­schungs­po­ten­zial vorhanden.

Techno­logie ist wieder attrak­tiver

Abseits des Nahost-Konflikts sticht die grosse Perfor­man­ce­dis­kre­panz zwischen den Sektoren am Aktien­markt ins Auge. Nach der Schwä­che­phase von Techno­lo­gie­ak­tien revidieren wir unsere zurück­hal­ten­dere Haltung vom Jahres­be­ginn. Während die Kurse korri­gierten, wurden die Gewinn­schät­zungen weiter nach oben angepasst.

 

 

Dadurch hat sich die Bewer­tungs­prämie des Techno­lo­gie­sek­tors gegen­über dem Gesamt­markt weitge­hend abgebaut. Überdurch­schnitt­li­ches Wachstum bei wieder vernünf­tigen Bewer­tungen bildet aus unserer Sicht ein attrak­tives Funda­ment für künftige Renditen im Techno­lo­gie­sektor.

 

 

Anlage­po­litik

Auf Wachstum ausge­richtet, gegen Infla­tion gewappnet

Seit Kriegs­be­ginn raten wir dazu, der Anlage­stra­tegie treu zu bleiben und auf panik­ar­tige Verkäufe zu verzichten. Diese Einschät­zung hat sich bislang als richtig erwiesen und gilt weiterhin. Ausge­hend von der robusten Konjunk­tur­dy­namik liegt unser Fokus weiterhin klar auf Aktien, ergänzt durch Anlagen mit inhärentem Infla­ti­ons­schutz. Dazu zählen für uns insbe­son­dere Infra­struk­tur­an­lagen, Gold und Krypto­wäh­rungen. Sie erfüllen unter­schied­liche Funktionen, erhöhen aber gemeinsam die Robust­heit des Portfo­lios in einem von Infla­ti­ons­ri­siken geprägten Umfeld.

 

Antizy­klisch zwischen Euphorie und Angst

Im ersten Quartal haben wir einen Teil der Gewinne auf unserer Gold-Position nahe den Höchst­kursen reali­siert und gleich­zeitig unsere Ethereum-Position rund 20% unter den aktuellen Niveaus erhöht. Die Stimmung in beiden Segmenten hätte gegen­sätz­li­cher kaum sein können. Nach dem starken Goldpreis­an­stieg mehrten sich Anzei­chen von Euphorie. Im Krypto­be­reich hingegen signa­li­sierten Stimmungs­in­di­ka­toren extreme Angst, obwohl sich am funda­men­talen Bild wenig geändert hatte. Gerade in solchen Phasen zeigt sich der Wert eines diszi­pli­nierten, antizy­kli­schen Vorge­hens.

USD-Risiken bleiben mittel­fri­stig bestehen

Beim US-Dollar sehen wir kurzfri­stig eine Stabi­li­sie­rung, aber keinen struk­tu­rellen Richtungs­wechsel. Der Konflikt hat den Dollar vorüber­ge­hend gestützt, getragen von höheren US-Renditen und Zuflüssen in sichere Häfen. Mit nachlas­sendem geopo­li­ti­schem Stress dürfte der überge­ord­nete Abwärts­trend jedoch wieder in den Vorder­grund rücken. Für CHF- und EUR-Investoren bleibt es deshalb sinnvoll, das USD-Risiko teilweise abzusi­chern.

Obliga­tionen werden wieder etwas inter­es­santer

Obschon Obliga­tionen nicht zu unserer präfe­rierten Anlage­klasse zählen, hat sich das Bild verbes­sert. Mit dem Krieg haben sich Zinsstruk­tur­kurven und Kredit­auf­schläge nach oben verschoben. Dadurch sind Obliga­tionen deutlich weniger unattraktiv als noch zu Jahres­be­ginn. Bei Fällig­keiten und überschüs­siger Liqui­dität eröffnen sich im mittleren Laufzei­tenbe­reich wieder Oppor­tu­ni­täten.

 

Autor

Simon Lutz
Simon Lutz
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Simon Lutz
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