Tareno View Juli 2026

Künst­liche Intel­li­genz treibt Wirtschaft und Finanz­märkte und erhöht zugleich die Konzen­tra­ti­ons­ri­siken in vielen Portfo­lios. Im aktuellen Tareno View zeigen wir, wie Anleger am langfri­stigen KI Trend parti­zi­pieren und Risiken gezielt steuern können.

Veröf­fent­licht: 10.07.2026

KI im Portfolio: Chancen nutzen, Risiken steuern

Künst­liche Intel­li­genz ist längst mehr als ein Techno­lo­gie­thema. Sie ist zu einem der wichtig­sten Wachs­tums­mo­toren der Weltwirt­schaft und zu einem dominie­renden Faktor an den Finanz­märkten geworden. Doch je grösser ihr Einfluss wird, desto wichtiger wird die Steue­rung der damit verbun­denen Portfo­lio­ri­siken. Für Anleger ist das eine Gratwan­de­rung: Wer nicht investiert ist, verpasst eine seltene struk­tu­relle Chance. Wer blind dem Index folgt, nimmt wachsende Klumpen­ri­siken in Kauf. Der KI-Anteil im Portfolio wird zuneh­mend zu einer zentralen Frage der strate­gi­schen Vermö­gens­al­lo­ka­tion. Deshalb werfen wir in diesem Tareno View einen genauen Blick auf den Einfluss der KI auf Wirtschaft und Märkte sowie auf die richtige Positio­nie­rung im Portfolio.

 

Makro­öko­no­mi­sches Umfeld

Schockim­mune Konjunktur

Die Weltwirt­schaft hat in den letzten Jahren mehr Schläge einge­steckt, als viele ökono­mi­sche Modelle für verkraftbar hielten: Liefer­ketten-Unter­brüche, Ukraine-Krieg, Infla­ti­ons­schub, Rekord-Zinsan­stieg, Banken­stress, Chinas Immobi­li­en­krise, US-Zölle und Energie­preis­schocks. Dennoch wächst die Weltwirt­schaft nun seit 2022 mit rund 3% pro Jahr.

Auch der jüngste Energie­preis­schock rund um die Strasse von Hormus konnte die globale Wirtschaft nicht aus der Bahn werfen. Obschon die Lage fragil bleibt, hat sich der Ölpreis wieder deutlich ermäs­sigt. Strate­gi­sche Reserven, alter­na­tive Liefer­wege, höhere Produk­tion ausser­halb der direkt betrof­fenen Region und eine tiefere Energie­in­ten­sität halten die Auswir­kungen in Grenzen.

Woher stammt diese bemer­kens­werte Wider­stands­fä­hig­keit? Aus unserer Sicht wirken zwei struk­tu­relle Rücken­winde, die wir seit längerer Zeit betonen und die uns bei Markt­rück­set­zern die Zuver­sicht gegeben haben, inner­halb des jewei­ligen Risiko­pro­fils investiert zu bleiben.

Erstens bleibt der Staat ein mächtiger Konjunk­tur­pfeiler. USA, China und Europa stützen ihre Wirtschaft im Wettbe­werb der grossen Blöcke mit Investi­ti­ons­pro­grammen, Steuer­erleich­te­rungen, Industrie­po­litik und Vertei­di­gungs­aus­gaben. In den USA leistete die Fiskal­po­litik zuletzt beinahe die Hälfte des Wachs­tums­bei­trags. Das ist kein sauberes, aber ein wirksames Funda­ment.

Zweitens treibt der mehrjäh­rige Ausbau der KI einen Investi­ti­ons­zy­klus von histo­ri­scher Dimen­sion an. Die steigende Nachfrage nach KI-Anwen­dungen führt zu umfang­rei­chen Investi­tionen in Rechen­zen­tren, Halbleiter, Strom­netze und Software. Damit ist KI längst ein realwirt­schaft­li­cher Treiber mit spürbarem Konjunk­tur­bei­trag.

Die Wachs­tums­stützen Fiskal­po­litik und KI bleiben auf abseh­bare Zeit intakt und bilden somit weiterhin ein solides Funda­ment für das globale Wachstum. Gleich­zeitig lassen zwei Gegen­winde der letzten Monate nach: der Ölpreis­schock und die Belastung durch US-Zölle. Damit verbes­sern sich die Vorzei­chen für Konsu­menten und Unter­nehmen im zweiten Halbjahr.

 

Markt­kom­mentar

KI dominiert

Die beiden Wachs­tums­mo­toren der Realwirt­schaft, Staats­aus­gaben und KI-Ausbau, prägen zuneh­mend auch die Finanz­märkte. Im vergan­genen Quartal war das KI-Universum einmal mehr für einen grossen Teil der globalen Kursge­winne verant­wort­lich.

Da KI-nahe Unter­nehmen den breiten Markt in den vergan­genen Jahren deutlich hinter sich gelassen haben, ist ihr Anteil am Gesamt­markt von rund einem Viertel auf fast die Hälfte angestiegen. Beson­ders ausge­prägt ist dies bei Halblei­tern und Hardware. Das Halblei­ter­seg­ment allein macht inzwi­schen rund 15% des Weltindex aus. Für Anleger hat das bedeu­tende Folgen.

Erstens steigt das Klumpen­ri­siko. Viele index­nahe Portfo­lios sind heute stärker von KI, Techno­logie und den USA abhängig, als es auf den ersten Blick erscheint. Was als breite globale Diver­si­fi­ka­tion verkauft wird, enthält oft eine konzen­trierte Wette auf wenige Geschäfts­mo­delle. Zweitens nimmt die Volati­lität zu. Wenn die Kapital­ströme bei Halblei­tern und KI-Infra­struktur drehen, bewegt sich nicht nur ein Themen­korb, sondern der Gesamt­markt. Der Markt wird damit anfäl­liger für Bewer­tungs­dis­kus­sionen, Gewinn­ent­täu­schungen und Verzö­ge­rungen beim Produk­ti­vi­täts­ver­spre­chen von KI.

Markt­füh­rer­schaft im Wandel

Ab Anfang Juni hat eine Gegen­be­we­gung einge­setzt. Kapital ist aus den offen­sicht­lich­sten Gewin­nern des KI-Infra­struk­tur­aus­baus in andere Markt­be­reiche abgeflossen und der Techno­lo­gie­sektor, beson­ders die heiss gelau­fene Halblei­ter­branche, ist in eine Konso­li­die­rungs­phase einge­treten. Gleich­zeitig haben Gesund­heit, Industrie, Finanz­werte und Basis­konsum an relativer Stärke gewonnen. Wir sehen gute Chancen, dass diese breitere Markt­ent­wick­lung anhält.

Der weitere Verlauf wird stark von den Anpas­sungen der Gewinn­erwar­tungen abhängen. Das Wachstum im Techno­lo­gie­sektor dürfte hoch bleiben, doch der Basis­ef­fekt wird anspruchs­voller. Im Rest des Marktes hingegen dürften die Gewinne wieder an Dynamik gewinnen.

Damit rückt auch der Schweizer Aktien­markt zurück ins Rampen­licht. Der SMI mit Nestlé, Novartis und Roche profi­tierte zuletzt von der Rückkehr defen­siver Qualität und zählte im Juni zu den stärkeren Indizes.

 

Anlage­po­litik

KI dosieren

Künst­liche Intel­li­genz wird Wirtschaft und Gesell­schaft tiefgrei­fend verän­dern. Der mehrjäh­rige Ausbau der KI-Infra­struktur ist eine Anlage­chance, wie sie nur alle paar Jahrzehnte entsteht. Wir wollen an diesem Trend betei­ligt bleiben. Gleich­zeitig steigt mit jedem weiteren Kursan­stieg der Einfluss dieses Themas auf den Gesamt­markt. Entschei­dend ist deshalb nicht die Frage, ob KI ins Portfolio gehört. Entschei­dend ist die Frage, wie viel KI ein Portfolio enthalten soll.

Schritt 1: Risiken messen

Wieviel KI steckt im Portfolio? Diese Frage ist schwie­riger, als sie klingt. KI ist kein sauber abgegrenzter Sektor. Halbleiter, Hardware, Software, Cloud, digitale Platt­formen und Strom­in­fra­struktur sind alle Teil der Wertschöp­fungs­kette.  Gemäss einer breiten Defini­tion und eigener Berech­nung liegt das Gewicht KI- und techno­lo­gie­naher Titel des MSCI ACWI inzwi­schen bei rund 46% des Aktien­marktes. In unseren Classic-Portfo­lios liegt dieses Gewicht bei rund einem Drittel des Aktien­be­stands und damit bewusst tiefer.

Dieses Gewicht erachten wir als vernünftig. Es erlaubt uns, am langfri­stigen KI-Trend zu parti­zi­pieren, ohne das Portfolio vollständig vom weiteren Verlauf einer einzigen Investi­ti­ons­welle abhängig zu machen.

Schritt 2 Risiken steuern

In den vergan­genen beiden Monaten haben wir bei stark gestie­genen KI-Profi­teuren mehrfach Gewinne reali­siert und die Alloka­tion aktiv zurück­ge­führt. Rebalan­cing sehen wir in solchen Markt­phasen nicht als admini­stra­tiven Vorgang, sondern als ein zentraler Erfolgs­faktor. Es zwingt dazu, Diszi­plin zu bewahren, wenn die Euphorie am grössten ist.

Schritt 3: Risiken verteilen

Neben regel­mäs­sigem Rebalan­cing setzen wir bewusst auf Anlagen, die sich nicht ausschliess­lich im Takt des KI-Investi­ti­ons­zy­klus bewegen. Auf Asset-Alloca­tion-Stufe zählen dazu Kern-Infra­struktur, kurzlau­fende Anleihen, Gold und  Krypto­wäh­rungen. Inner­halb der Aktien­al­lo­ka­tion bevor­zugen wir ergän­zend defen­sive Sektoren, Wasser, Small Caps sowie Märkte mit tieferer KI-Konzen­tra­tion wie Europa, Gross­bri­tan­nien und Japan.

Wichtig ist auch die Zusam­men­set­zung inner­halb des Techno­lo­gie­kom­plexes. Die grossen Indizes werden stark von Halblei­tern und Hardware dominiert. Unsere Alloka­tion ist bewusst breiter gewählt. So bleibt das Portfolio am techno­lo­gi­schen Wandel betei­ligt, ohne zu grosse Einzel­wetten einzu­gehen.

Fazit

Künst­liche Intel­li­genz bleibt ein struk­tu­reller Wachs­tums­treiber, an dem wir langfri­stig betei­ligt sein wollen. Doch mit ihrer wachsenden Bedeu­tung für Wirtschaft und Finanz­märkte steigt auch die Verant­wor­tung, dieses Exposure gezielt zu steuern und zu dosieren.

Unser Ansatz: Am langfri­stigen Poten­zial parti­zi­pieren, Übertrei­bungen diszi­pli­niert zurück­führen und Portfo­lios so aufstellen, dass sie auch bei wechselnder Markt­füh­rer­schaft robust bleiben.

 

Autor

Simon Lutz
Simon Lutz
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